Gutes Leben

Der Begriff des „gutes Leben“ markierte in der Ethik als Teilbereich der Philosophie in Europa seit der Antike (in ähnlicher Form jedoch auch in anderen Kulturkreisen) bis zur Aufklärung das normativ erstrebenswerte Ideal. Was genau als „gutes Leben“ (oder tugendhaftes Leben) verstanden wurde, unterschied sich dabei teils erheblich, so wie dies für den seit der Aufklärung eher üblichen Begriff der Gerechtigkeit ebenfalls gilt. Seit der Aufklärung fungieren Begriffe wie gutes Leben auch als Gegenbegriff zum Bereich der Gerechtigkeit beziehungsweise des Öffentlichen, der politisch-rechtlichen Regelungen zugänglich ist, wogegen das gute Leben Privatsache sein soll. Die Abgrenzung zwischen beiden Bereichen ist im konkreten Fall immer wieder kontrovers. Auch gibt es in der Philosophie bis heute Positionen, die behaupten, die Trennung zwischen Fragen von Gerechtigkeit (die mehrere Menschen und ihr Zusammenleben betreffen) von Fragen des guten Lebens sei gar nicht möglich. In letztere Theorietradition reiht sich auch eine häufige aktuelle Verwendung des Begriffs ein: Heute wird der Begriff primär in linken Kreisen auch als politisches Gegenkonzept zum westlichen Wohlstandsmodell verwendet, im Sinne des südamerikanischen Konzepts des „Buen Vivir“. Dieses versteht sich als systemkritische Antwort auf das westliche Entwicklungsdenken, welches geprägt ist vom Wachstumsparadigma und vom kapitalistischen Lebensmodell. Das Konzept verfolgt die Ziele, im Gleichgewicht mit der Natur zu leben und zu wirtschaften, die soziale Ungleichheit zu reduzieren, eine solidarische Wirtschaft und eine pluralistische Demokratie aufzubauen sowie Räume für zivilgesellschaftliche Partizipation zu bieten. Allerdings wird von den beteiligten Regierungen die Vision Buen Vivir oft keineswegs in der Realpolitik umgesetzt. Beispielsweise gefährden große Infrastrukturprojekte und Vorhaben zur Ressourcengewinnung  auch in Ecuador und Bolivien Naturschutzgebiete und indigene Völker. Zudem ist keine klare Auseinandersetzung mit den Argumenten erkennbar, die nach der europäischen Aufklärung nicht ohne Grund jedem Einzelnen freistellen wollten, auf welchem Weg er seinen Weg zum Glück findet, ohne dies allgemeinverbindlich vorzugeben. Letztlich handeln aktuelle Buen Vivir-Debatten begrifflich auch gar nicht ausschließlich vom guten Leben, sondern (in philosophischer Terminologie) sehr wohl von Gerechtigkeitsfragen, also davon, wie das Verhältnis verschiedener Menschen untereinander politisch-rechtlich zu regeln ist. Kritisch anzumerken ist generell die Diffusität der Debatte in der politischen Praxis.

Weitere Informationen zum Thema:

  • Lebensministerium (Hg.): Zukunftsdossier No. 3: Alternative Wirtschafts- und Gesellschaftskonzepte. September 2012. S. 41-43. Online abrufbar unter: http://www.nachhaltigkeit.info/media/1384510071phppDcfjA.pdf?
    sid=e27fea33ef0d9367f4e3467a9d1550a5 [11.07.14]
  • Ekardt, Theorie der Nachhaltigkeit, Nomos, Neuausgabe Baden-Baden 2011, § 4 F

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