News zu den Themenbereichen Nachhaltigkeit, Landwirtschaft sowie Landnutzung weltweit

von Jessica Stubenrauch

Jessica Stubenrauch schrieb am 19.05.16:

Das Agrarministerium darf kein "Überministerium" sein

Kommentar zur Äußerung des Agrarministers C. Schmidt vom 17.05.2016 in der Glyphosatdebatte

„Das Umweltressort geht mit manchem Vorstoß zu weit. Das ist doch kein Überministerium“ so der Landwirtschaftsminister Christian Schmidt vorgestern in der Süddeutschen Zeitung als Reaktion auf die Ablehnung des Pflanzenschutzmittels Glyphosat durch die SPD (http://www.sueddeutsche.de/politik/glyphosat-streit-um-glyphosat-entzweit-die-regierung-1.2995782).

Ach wirklich, Herr Schmidt? Natürlich sollte kein Ressort ein Überressort sein. Politische Entscheidungen sollten vielmehr immer in der bestmöglichen Abwägung unterschiedlicher Interessen erfolgen. Aber kann es vielleicht sein, dass die überwiegend konventionelle Landwirtschaft in Deutschland in den letzten Jahrzehnten auf Kosten von Naturhaushalt, Biodiversität und des Klimas und damit letztlich auch der
menschlichen Gesundheit viel zu weit gegangen ist und dies jetzt schnellstmöglich korrigiert werden muss?

So ist die Landwirtschaft in hohem Maße mit Umweltproblemen wie Bodendegradation, Eutrophierung von Oberflächengewässern und Meeren, Biodiversitätsverlust und dem globalen Klimawandel verbunden. Seit 1970 haben sich die vorhandenen Tierpopulationen weltweit bereits um mehr als 50 Prozent verringert (WWF 2014). Die aufgrund von Landnutzungsänderungen verursachten CO2-Emissionen sind im gleichen Zeitraum um 40 Prozent angestiegen (IPCC 2014, S. 44). Global tragen diffuse Stoffeinträge in Gewässer aus landwirtschaftlicher Nutzung erheblich zur Eutrophierung von Meeren und Seen bei (Withers et al. 2015; EEA 2012). Aufgrund von exzessivem Algenwachstum wurden bereits mindestens 400 Todeszonen in den Weltmeeren identifiziert, dabei ist auch die Ostsee als Binnenmeer stark betroffen (UBA 2014).

Der großflächige Einsatz des chemischen Pflanzenschutzmittels Glyphosat trägt derweil unstrittig weiter zur Minderung der Biodiversität auf und rund um dem Acker bei, wobei neben der pflanzlichen Artenvielfalt, auch das für den Erhalt der natürlichen Bodenfruchtbarkeit so wichtige Bodenleben stark eingeschränkt wird, was wiederum Auswirkungen auf sich hieran anschließende Insekten- und Vogelpopulationen hat, deren Nahrungsquelle entweder vergiftet oder schlicht nicht mehr verfügbar ist (NABU 2013). Die genauen Gesundheitsgefährdungen von Glyphosat auf den Menschen lassen sich zwar noch nicht eindeutig bestimmen, jedoch kann eine solche langfristig auch nicht ausgeschlossen werden. Dies trifft vor allem vor dem Hintergrund einer möglichen Kumulation von potentiell schädlichen Glyphosatrückständen mit weiteren schädlichen Umwelteinflüssen im menschlichen Organismus zu, sei es durch die zusätzliche Belastung von mit der Nahrung aufgenommenem Cadmium, welches durch die mineralische Phosphordüngung in den Boden und die Pflanze gelangt ist oder durch die Feinstaubbelastung der Luft, welche sich auch auf Stickstoffüberschüsse in der Landwirtschaft zurückführen lässt oder durch die vielen weiteren schädlichen Umwelteinflüsse, welchen sich der Mensch im täglichen Leben gegenübergestellt sieht. Dem Vorsorgeprinzip folgend, sollte daher gelten, potentiell negative Umweltauswirkungen und Gesundheitsgefährdungen im größtmöglichen Umfang zu beschränken und demnach die Nutzung von Glyphosat in der Landwirtschaft zu untersagen.

Glyphosat ist dabei nur ein kleiner Baustein in einem industriellen und auf diese Art nicht nachhaltigem Landwirtschaftssystem, welches stets auf externe, jedoch schwindende Ressourceninputs angewiesen ist und es bisher versäumt hat, die negativen Umweltauswirkungen ausreichend zu berücksichtigen. Auch ein schlichter Ersatz von Glyphosat durch ein anderes vermeintlich weniger oder - wie teilweise befürchtet - noch gefährlicheres Pestizid, in einem ansonsten unveränder-ten Landwirtschaftssystem, kann daher keine erstrebenswerte Lösung sein. Um die natürlichen Lebensgrundlagen langfristig zu erhalten, bedarf es vielmehr einer kompletten Umstellung der Landwirtschaft hin zu dauerhaft und global durchführbaren, umwelt- und ressourcenschonenden, eher keinteiligeren, kreislaufbasierten Methoden. Ein europaweites Verbot des Pflanzenschutzmittels Glyphosat wäre daher als ein erster richtiger Schritt in diese Richtung wünschenswert. Ein Hinwirken auf ein solches Verbot ist daher kein unzulässiger Vorstoß, sondern vielmehr unabdingbar, um eine Neuausrichtung der Landwirtschaftspolitik weiter voranzutreiben.

 

Quellen:

EEA (2012): European waters – Assessment and pressures, online:
http://www.eea.europa.eu/publications/european-waters-assessment-2012,
[17.05.2016].

IPCC (2014): Climate Change 2014, Synthesis Report, online:
http://www.de-ipcc.de/_media/SYR_AR5_LONGERREPORT_.pdf, [17.05.2016].

NABU (Hrsg.) (2013): Gefährdung und Schutz. Vögel der Agrarlandschaften,
online:
http://www.glus.org/fileadmin/archiv/foerderprojekte_ueberregional/nabu_feldvoegel_final.pdf,
[17.05.2016].

UBA (Hrsg.) (2014): Eutrophierung der Ostsee, online:
https://www.umweltbundesamt.de/daten/gewaesserbelastung/ostsee/eutrophierung-der-ostsee,
[17.05.2016].

Withers, P. J.A./ van Dijk, K. C./ Neset, T./ Nesme, T./ Oenema, O./
Schoumans, O. F./ Smit, B./ Sylvain, P. (2015): Stewardship to tackle a
global Phosphorus inefficiency: The case of Europe. In: AMBIO 2015, 44:
S. 193 – 206.

WWF (Hrsg.) (2014b): Living Planet Report 2014, Kurzfassung, online:
http://www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/Publikationen-PDF/WWF_LPR2014_Kurzfassung.pdf,
[17.05.2016].

Schlagworte:Landwirtschaft Umwelt- und Naturschutz